Communiqué zur Infra-Tagung 2012 in Luzern
Wasserkraft ausbauen,
Landschaftsschutz einschränken
Donnerstag, 26. Januar 2012 – Die Schweizer Infrastrukturbauer erachten den Ausstieg aus der Atomenergie als prinzipiell richtig. Er sei eine Chance für die Branche. Das betonten sie an ihrer traditionellen Infra-Tagung in Luzern.
Die Schweizer Infrastrukturbauer seien grundsätzlich für den Ausstieg aus der Atomenergie. Das machte Urs Hany, Präsident des Fachverbands Infra, gleich in seiner Eröffnungsrede klar. «Wir sind bereit, unseren Beitrag zu leisten, damit der Atomausstieg gelingt.» Doch dafür brauchen die Infrastrukturbauer die richtigen Rahmenbedingungen. Nötig sei nun ein zuverlässiger Fahrplan für den Ausstieg, aber auch mehr Flexibilität beim Aus- und Neubau von Kraftwerken, die erneuerbare Energien lieferten. Eine zentrale Rolle bei der künftigen Energieversorgung dürfte nach Einschätzung von Hany die Geothermie spielen.
Wasserkraft, die wichtigste Alternative
Um die Energieversorgung auch ohne Atomstrom sicherzustellen, braucht es in der Schweiz einen massiven Ausbau von Wasserkraftwerken, Solaranlagen und thermischen Kraftwerken. Die Zeit dafür ist knapp: 2019 will der Bundesrat das erste, 2034 das letzte Atomkraftwerk vom Netz nehmen. Um zukünftig eine zuverlässige Stromversorgung gewährleisten zu können, muss die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien, insbesondere der Wasserkraft, kräftig ausgebaut werden. Das ist möglich, indem bestehende Kraftwerke nachgerüstet und neue gebaut werden. Kurz: Ohne zusätzliche Gross- und Kleinwasserkraftwerke geht es nicht.
Landschafts- und Umweltschutz müssen angepasst werden
Einen umwelt- und landschaftsverträglichen Ausbau der Wasserkraftnutzung ist möglich, zeigte sich Benedikt Koch, Geschäftsführer des Fachverbands Infra, überzeugt. Doch dafür müssten der politische und rechtliche Rahmen angepasst werden. «Heute werden Landschafts- und Umweltschutz höher gewertet als die Nutzung der Wasserkraft. Einzelpersonen oder Organisationen könnten relativ einfach den Neu- oder Ausbau von Wasserkraftwerken verzögern oder ganz verhindern», erklärte Koch. Er erinnerte ausserdem daran, dass eine veränderte Stromproduktion auch ein anderes Stromnetz nötig mache. Beim Stromnetz bestünde schon heute akuter Ausbau- und Erneuerungsbedarf, denn zwei Drittel des Stromnetzes seien älter als 40 Jahre. Deshalb müssten allein für da Stromnetz zwischen vier und sechs Milliarden Franken investiert werden.
Deutschland will von der Schweiz lernen
Deutschland befindet sich in einer ähnlichen Situation wie die Schweiz. Auch das nördliche Nachbarland will weg vom Atomstrom, was ebenfalls grosse Infrastrukturmassnahmen nötig macht. Wie Michael Knipper vom Hauptverband der Deutschen Bauindustrie ausführte, stünden Bauvorhaben jedoch gleich von mehreren Seiten unter Druck. Aufgrund der Wirtschaftskrise und der Schuldenlast sei das Geld knapp und in der Bevölkerung wachse der Widerstand gegen grosse Infrastrukturprojekte. Um die Akzeptanz zu erhöhen, müssten die Betroffenen früher in die Planungs- und Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Knipper ist überzeugt, dass Deutschland von der Schweiz noch lernen kann. Im Grundsatz sehen auch die deutschen Bauunternehmen im Umstieg auf erneuerbare Energien mehr Vor- als Nachteile.
Piccard und sein Team machten das Unmögliche möglich
Kann der Strom aus unseren Atomkraftwerken tatsächlich durch erneuerbare Energien ersetzt werden? Aus heutiger Sicht scheint dies unwahrscheinlich. Doch der Luftfahrtpionier Bertrand Piccard ist daran, den Gegenbeweis anzutreten. Der Gewinner des SwissAwards 2011 betonte, dass «erneuerbare Energien ein immenses Potenzial haben». So entwickelten er und sein Team ein Flugzeug, das Tag und Nacht ausschliesslich mit Sonnenenergie fliegen kann. Was zuvor unmöglich schien, wurde dank Kreativität und Innovationskraft doch möglich, erklärte Piccard an der Infra-Tagung. Erneuerbare Energiequellen sind also zukunftsfähig.
Was nachhaltig ist, hat Zukunft
Zukunftsfähig heisst nachhaltig. Davon zeigte sich auch Raymond Cron von Orascom überzeugt. Das Unternehmen des Ägypters Samih Sawiris baut unter anderem in Andermatt – praktisch auf grüner Wiese – ein neues Feriendorf. «Nachhaltig ist ein Projekt dann, wenn es die Balance zwischen ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Anforderungen hält», so Cron. Grosse Immobilienprojekte können nur gelingen, wenn sich die Investoren gegenüber sich verändernden Kundenbedürfnissen und Rahmenbedingungen flexibel zeigten. So wird das Feriendorf in Andermatt vollumfänglich durch Erdwärme gespiesen, verwendet also ausschliesslich CO2-freien-Strom. Zudem wird die Abwärme von Armeeanlagen genutzt.
Hat das Wachstum ein Ende?
Die wichtigsten Trends aus Wirtschaft, Gesellschaft, Konsum und Arbeit, die unser neues Leben prägen werden, zeigte David Bosshart auf. Er ist Geschäftsführer des Gottlieb-Duttweiler-Instituts. Der Westen stehe vor dem Ende seiner langen Wachstumsphase. Die Logik des Immer-Mehr habe abgewirtschaftet, so seine These. „Was es braucht, ist ein grundlegendes Umdenken in Wirtschaft und Gesellschaft. Die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts sagt längst nicht mehr viel darüber aus, ob es einer Gesellschaft besser oder schlechter geht“, erläutert Bosshart.
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